Wintertour 4 Alle Dörfer bleiben?

 

Erst kürzlich gab es eine politische Absichtserklärung, fast alle Dörfer am Tagebaurand bei Erkelenz vor dem Tagebau zu retten. Ist es beim jetzigen Stand der Dinge überhaupt vorstellbar, dass dort wieder Leben wie einst einkehren könnte?

 

Ihr seid unterwegs mit Dieter und Benno

Die Nachricht in den Medien hat mich wirklich überrascht: Seitens der neuen Regierung wolle man die Dörfer am Tagebaurand vor dem Abbaggern retten, heißt es. Nur über Lützerath, nach dem Hambacher Wald der neue Symbolort für den Widerstand gegen den Tagebau, sollen die Gerichte entscheiden. Beflügelt durch diese positive Wendung, rufe ich Benno an, ob wir nicht zusammen dorthin fahren sollten. Klar, dass er dabei ist!

Wir starten auf dem Marktplatz von Erkelenz in Richtung Bellinghoven. Kaum, dass wir den zentral gelegenen Dorfteich „die Maar“ passiert haben, wenden wir uns nach Osten, radeln durch den Umsiedlungsort Neu Immerath und befinden uns etwas später in Kückhoven. Es folgt die Unterquerung der L 19 und ein Blick auf den Ultraleicht- Flugplatz, wo auch jetzt im Winter noch gestartet und gelandet wird. Ab jetzt folgen einige Kilometer über Feldwege.  Die sind manchmal etwas bucklig, aber, da entweder asphaltiert oder plattiert, sämtlich gut zu befahren. Wir erreichen Berverath. Das erste der Dörfer am Tagebaurand wirkt eingangs recht einladend. Die Dorfstraße führt weiter zum Mittelpunkt, der malerischen, leider kürzlich entwidmeten Kapelle (Komoot, Wegepunkt 6) und leitet uns über die lange Dorfstraße wieder in die Felder hinaus. Auf unserem Weg entdecken wir etliche verlassene Häuser, aber insgesamt stellt sich das Gefühl ein, dass der Fortbestand dieses schönen Dorfes noch möglich sein könnte. Bislang sind wir erst gut sieben Kilometer gefahren und als wir kurz darauf in Lützerath ankommen, sind es gerade einmal zehn. Etwas mehr als eine halbe Stunde haben wir gebraucht um im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Abgrund zu stehen (Komoot, WP 9)!

Schon für das Frühjahr 2020 hatte ich eine geführte Tour hierhin geplant und die Strecke erkundet. Welch ein Unterschied zu heute! Etliche größere Gebäude sind verschwunden, andere verlassen. Der letzte noch bewohnte, mit Bannern und Plakaten behangene Bauernhof lässt uns ahnen, dass sich nicht einmal hundert Meter weiter das Bild erneut erheblich ändern wird. Noch führt ein Stück Straße, die ehemals nach Keyenberg verlief, am Ortsrand entlang. Keine zwanzig Meter entfernt gähnt das Loch. Wie ein riesiges Maul hat es sich herangeschoben und umfasst neben dem östlichen auch schon den nördlichen Ortsrand. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lassen uns die Aktivitäten derer, die den Widerstand gegen den Tagebaubetreiber organisieren, staunen. Entlang der Straße hat man in einer langen Reihe Baumhäuser (Komoot, WP 9) errichtet, die sich mehrere Meter hoch im Geäst befinden. Wie kommen die Bewohner da hoch und runter? Strickleitern sehen wir keine. Hinter der Baumreihe haben die Aktivisten auf einer großen Wiesenfläche Bretterbuden gebaut, an anderer Stelle stehen eine Anzahl kleiner Zelte, teils notdürftig durch darüber gespannte Planen vor Wind und Regen „geschützt“. Das Gelände hat nichts mehr mit einer Wiese gemein. Die jungen Leute waten durch knöchelhohen Morast, teils mit Kaffeetassen in beiden Händen, den sie in einer Bude am Rande des Geländes holen mussten, andere sitzen um ein Feuer aus Kistenholz, grillen und klönen. Es herrscht allgemein ein sehr reges Treiben dort, es wird gesägt, genagelt und geschraubt. Kleinere und größere Gruppen stehen zusammen, gestikulieren und diskutieren. Diese Eindrücke verdanken wir einer jungen Frau, die uns zunächst angesichts unserer etwas aus dem Bild fallenden Radlerkleidung etwas zögerlich musterte, dann aber einlud uns ruhig auf dem Gelände umzusehen. Ganz ehrlich: Niemals hätten wir uns in unseren Halbschuhen zu Fuß auf den Weg gemacht, schafften es aber dank Stollenreifen und etwas Traute langsam auf die einzige trockene Stelle zuzusteuern, wo wir dann anhielten und unsere Beobachtungen machen konnten.

Wäre ich in jungen Jahren bereit gewesen meine Ideale unter solch widrigen Bedingungen unbeirrt zu verfolgen? Sofort habe ich mir diese Frage gestellt. Ungeachtet des Ergebnisses und wie ich sonst zum Tun der Aktivisten stehe, verdient allein dieser Aspekt meine Hochachtung.

Die letzten Buden und Baumhäuser verschwinden wieder hinter uns. Aber auch die Orte Oberwestrich, Keyenberg und Unterwestrich, die nun auf unserem Weg liegen, verströmen, wenn auch längst nicht so stark wie Lützerath, eher den kalten Hauch sterbender Orte.

Auch Benno geht es offenbar nicht mehr ganz so gut. Mit seinem Halstuch über Mund und Nase versucht er der Kälte zu trotzen. Mittlerweile haben wir nämlich auffrischenden Wind von ganz vorn. Das schöne, von einem Wassergraben umringte, in weinrot leuchtende Haus Keyenberg (Komoot, WP 15) schaffen wir noch mit Anstand, dann folgt eine Snackpause an der Keyenberger Motte (Komoot, WP 16). Die hat ihre letzte denkmalpflegerische Maßnahme offenbar in grauer Vorzeit erlebt. Man muss schon die davor aufgestellte Tafel bemühen um überhaupt noch eine Vorstellung vom Objekt zu gewinnen zu können.

Benno hat kalt! Während der flüchtigen Besichtigung tänzelt er ein wenig und reibt sich fortwährend die Hände. Da ich gerne Wintersport gucke, weiß ich, wie Skilangläufer ihre Fingerspitzen wärmen. Ich ermuntere ihn sich das Bild eines Propellers vor Augen zu halten, entsprechend seine Arme in Rotation zu versetzen und die Drehgeschwindigkeit beständig zu steigern. Auch ich bin überzeugt von der Maßnahme profitieren zu können und rotiere engagiert mit. Wir üben die nächsten paar hundert Meter im Sattel weiter und schwingen abwechselnd die Beine vor und zurück. Es hilft! Ich kichere in mich hinein: Falls man uns beobachtet haben sollte, tröstet mich der Gedanke, dass wir angesichts der vielen Windräder in dieser Region hoffentlich nicht zu sehr aufgefallen sind!

Angewärmt und gekräftigt durch ein paar Zimtsterne, die Benno vorhin hervorgezaubert hat, geht es weiter zur ehemaligen Niersquelle (Komoot, WP 18) bei Kuckum. Längst durch den Tagebau trockengefallen, wird sie nun aus dem Kaulhausener Weiher, der auf dem Grund des ebenfalls aufgegebenen Zourshof (Komoot, WP 17) liegt, gespeist. Man kann der jungen Niers auf einem schmalen Waldweg bis fast nach Wanlo folgen, wir entscheiden uns jedoch für einen Abstecher nach Kuckum. Ursprünglich sollte auch dieser Ort dem Tagebau zum Opfer fallen. Auch hier die bekannte Szenerie: Beidseits der Straßen Häuser mit geschlossenen oder halb offenen Rolläden, andere mit grauen Gardinen hinter den Fenstern, alle offenbar nicht mehr bewohnt. Dann wieder Autos vor den Häusern, gepflegte, keine von Unkraut überwucherten Zugänge. An der Kirche steht ein mit Geschenkpäckchen geschmückter Weihnachtsbaum, das Ehrenmal daneben ist mit einem frischen Kranz bestückt. Einige Meter weiter auf der anderen Straßenseite das Schaufenster eines aufgegebenen Ladens voller Geschenkpäckchen: Es wirkt, als solle aus Trotz oder gar aus Verzweiflung alles so aussehen und weitergehen wie immer. Diese Stimmung bedrückt. Als wir den Ort verlassen, kreuzen wir bald die an dieser Stelle nahezu fertig gebaute L354n (Komoot, WP 20), geplant als neue Grubenrandstraße. Wir fragen uns, ob der Neubau jetzt überflüssig geworden ist. Bald taucht rechts das Rittergut Wildenrath auf. Großzügig von einem Wassergraben umgeben, ist es als Erlebnisbauernhof mit Gastronomie eines der schönsten Ausflugsziele im Umkreis (Komoot, WP 21). Der Rest ist Austrudeln durch die Felder über Etgenbusch und Mennekrath, bis wir wieder das Zentrum von Erkelenz erreicht haben.

Doch halt! Ehe ich´s vergesse: Wie bei unser letzten Wintertour (Nr.3) sollten sich unsere Wege vor Erreichen des eigentlichen Ziels trennen. Kurz vor Venrath musste ich vernehmen, dass mein Radelpartner für seinen Sohn noch Schwerlastregale zu besorgen habe. Welche schweren Lasten mochten den wohl drücken? Egal. Der frisch gebackene Stollen und ein heißer Tee bei mir zu Hause werde ihm dann entgehen, ließ ich ihn wissen. Antwort? Sohnemann kann warten!

Eine gute Entscheidung!

Dieter Bonnie

 

https://heinsberg.adfc.de/neuigkeit/wintertour-4-alle-doerfer-bleiben

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  • Was muss ich beachten, um mein Fahrrad verkehrssicher zu machen?

    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

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  • Worauf sollte ich als Radfahrer achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

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  • Was ist der Unterschied zwischen Pedelecs und E-Bikes?

    Das Angebot an Elektrofahrrädern teilt sich in unterschiedliche Kategorien auf: Es gibt Pedelecs, schnelle Pedelecs und E-Bikes. Pedelecs sind Fahrräder, die durch einen Elektromotor bis 25 km/h unterstützt werden, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Bei Geschwindigkeiten über 25 km/h regelt der Motor runter. Das schnelle Pedelec unterstützt Fahrende beim Treten bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h. Damit gilt das S-Pedelec als Kleinkraftrad und für die Benutzung sind ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und eine Fahrerlaubnis der Klasse AM sowie das Tragen eines Helms vorgeschrieben. Ein E-Bike hingegen ist ein Elektro-Mofa, das Radfahrende bis 25 km/h unterstützt, auch wenn diese nicht in die Pedale treten. Für E-Bikes gibt es keine Helmpflicht, aber Versicherungskennzeichen, Betriebserlaubnis und mindestens ein Mofa-Führerschein sind notwendig. E-Bikes spielen am Markt keine große Rolle. Dennoch wird der Begriff E-Bike oft benutzt, obwohl eigentlich Pedelecs gemeint sind – rein rechtlich gibt es große Unterschiede zwischen Pedelecs und E-Bikes.

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  • Gibt es vom ADFC empfohlene Radtouren für meine Reiseplanung?

    Wir können die Frage eindeutig bejahen, wobei wir Ihnen die Auswahl dennoch nicht leicht machen: Der ADFC-Radurlaubsplaner „Deutschland per Rad entdecken“ stellt Ihnen mehr als 165 ausgewählte Radrouten in Deutschland vor. Zusätzlich vergibt der ADFC Sterne für Radrouten. Ähnlich wie bei Hotels sind bis zu fünf Sterne für eine ausgezeichnete Qualität möglich. Durch die Sterne erkennen Sie auf einen Blick mit welcher Güte Sie bei den ADFC-Qualitätsradrouten rechnen können.

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  • Wo finde ich vom ADFC empfohlene Musterkaufverträge für Fahrräder?

    Ganz gleich, für welches Fahrrad Sie sich entscheiden: Ein schriftlicher Kaufvertrag kann vor dem Hintergrund eventueller Reklamationsansprüche oder sonstiger Gewährleistungsfragen hilfreich sein. Das gilt umso mehr, wenn Sie sich für ein Gebrauchtrad entscheiden sollten. Deshalb haben wir hier eine Vorlage für einen Musterkaufvertrag für Gebrauchträder zusammengestellt, die Ihnen helfen kann, böse Überraschungen zu vermeiden.

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    Hier im Kreis Heinsberg gibt es keine Codiermöglichkeit.
    Aber an der Fahrradstation in Mönchengladbach am Hauptbahnhof, können Sie codieren lassen.
     

    https://radstation-moenchengladbach.de/startseite
     

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